Martin Kuonen im Interview «Zwei Glücksfunde ergaben eine Wiedervereinigung!»

Martin Kuonen ist Spezialist der Walliser Postgeschichte und stammt aus dem Oberwallis. Für seine Sammlung hat er an der BERNABA 2025 den Grand Prix Suisse gewonnen.
Seit wann und wie entwickelte sich deine Sammeltätigkeit?
Mit 13 Jahren erhielt ich von meinem Gotti ein Abo der PTT. Ich wartete jeweils gespannt auf die Neuausgaben. Anfangs bewahrte ich die Marken in einem Einsteckbuch auf, später in einem Vordruckalbum. Daraus entstand der Anreiz, die fehlenden Lücken gezielt zu schliessen und nach und nach auch ältere Marken zu erwerben. Während meines Studiums erweiterte sich mein Interesse. Ich begann, Ansichtskarten aus meiner Heimatregion sowie Briefe mit Walliser Stempeln zu sammeln. Ein entscheidender Wendepunkt war der Besuch der Sierraphila 90. Die Sammlung «Les Postes du Valais» bestärkte mich darin, mich vertieft mit der Postgeschichte des Wallis zu befassen und anhand von Altbriefen zu dokumentieren.
Wie viel Zeit beansprucht dein Hobby?
Ich befasse mich regelmässig mit meinem Sammelgebiet. Dazu durchsuche ich gängige Verkaufsplattformen wie Delcampe, eBay oder Ricardo und verfolge über Philasearch die Angebote verschiedener Auktionshäuser – stets mit Fokus auf das Wallis. Besonders freut es mich, wenn dann einige Tage später ein schöner Walliser Beleg per Post eintrifft. Danach beginnt die eigentliche Arbeit: Der Beleg wird eingeordnet, beschrieben und in die Sammlung integriert.
Wie wichtig ist es für dich, die Geschichte hinter den Briefen zu verstehen?
Das ist für mich zentral. Ich verstehe mich als Postgeschichtler und dazu gehört, die Geschichte eines Briefes zu rekonstruieren und zu verstehen. Die Analyse beginnt mit dem Studium des historischen Kontextes und führt anschliessend zur vertieften Auseinandersetzung mit den postgeschichtlichen Elementen. Dazu zählen die Postverträge, Stempel und Vermerke, Brieftaxen sowie die Leitwege oder Destinationen. Diese Aspekte werden systematisch ausgewertet und anschliessend beschrieben. Ein vergleichbares Vorgehen ist auch bei Briefen aus der Markenzeit erforderlich.
Bei vorphilatelistischen Faltbriefen ist der Briefinhalt häufig erhalten. Er wird gelesen, um zu beurteilen, ob Inhalt, Absender oder Empfänger eine geschichtliche Relevanz haben. Ist das der Fall, wird dies im Briefbeschrieb entsprechend festgehalten. Diese intensive geschichtliche und postgeschichtliche Auseinandersetzung mit Altbriefen macht das Hobby spannend und anspruchsvoll.
Wie siehst du die Rolle der Digitalisierung in der Philatelie?
Die Digitalisierung ist für mich sehr wichtig. Sie hat die Philatelie deutlich näher zusammengebracht. Sammler können sich heute online, von zu Hause aus, über Auktionslose informieren, live an Auktionen teilnehmen und unmittelbar reagieren. Lange Reisezeiten aus dem Wallis entfallen dadurch komplett.
Zudem lassen sich viele Informationen, die für den Beschrieb von Briefen oder deren Inhalte nötig sind, online recherchieren. Dazu gehört auch der Austausch in spezialisierten Foren, in denen Mitglieder, insbesondere bei Auslandbriefen, kompetent und unkompliziert weiterhelfen.
Neu hinzugekommen ist der Einsatz von KI, etwa zur Informationsbeschaffung, für Übersetzungen oder zur Unterstützung bei der Transkription von Briefen. Auch Ausstellungssammlungen sind heute digital aufgebaut, was eine rasche Anpassung einzelner Seiten ermöglicht.
Ich nutze diese digitalen Möglichkeiten, allerdings stets mit der nötigen Sorgfalt bei der Prüfung und Verwendung der Informationen.
Pflegst du Freundschaften mit anderen Philatelisten?
Ja. Ich habe philatelistische Freunde, mit denen ich mich über unser Hobby austausche. Sie unterstützen mich auch bei der Analyse und beim Beschrieb einzelner Briefe, insbesondere dann, wenn ein Beleg eine Knacknuss darstellt oder eine Zweitmeinung gefragt ist. Diesen kontinuierlichen Austausch mit anderen Sammlern schätze ich sehr.
Hast du an nationalen oder internationalen Ausstellungen oder Wettbewerben teilgenommen? Mit welchen Erfahrungen?
Ich habe mit den Sammlungen Walliser Bahnpost und Geo Chavez an nicht jurierten Ausstellungen teilgenommen. Darüber hinaus verfüge ich über zwei postgeschichtliche Walliser Sammlungen – Vorphilatelie und Markenzeit – die ich national, multinational und international ausgestellt habe und mit denen ich Grossgold erreichen konnte. Besonders gefreut hat mich die Auszeichnung mit dem Grand Prix Suisse an der BERNABA 2025 für die Sammlung Postgeschichte Wallis | Anfänge der Bundespost | 1849–1863.
Der Vergleich und der Austausch mit anderen Ausstellern sind für mich wertvoll und interessant. Die Jurygespräche liefern nicht immer einen echten Mehrwert für die Weiterentwicklung, können aber dennoch Denkanstösse geben. Wenn ich an Ausstellungen teilnehme, begleitet mich meine Ehefrau. So verbinden wir das Hobby mit der gemeinsamen Erkundung des Ausstellungsortes.
Wie informierst du dich über neue Entwicklungen oder Trends in der Philatelie?
Ich informiere mich über Fachpublikationen. Dazu gehört unter anderem auch die SBZ sowie meine Mitgliedschaft in der Schweizerischen Vereinigung für Postgeschichte, die vierteljährlich ein Fachheft herausgibt. Zudem kaufe und lese ich die meisten philatelistischen Bücher, die in der Schweiz erscheinen – auch dann, wenn sie nicht direkt mein Sammelgebiet betreffen. Den Erwerb dieser Bücher verstehe ich als Wertschätzung und Unterstützung der jeweiligen Herausgeber.
Was sind deine Tipps für Anfänger, die in die Philatelie einsteigen möchten?
Wichtig ist aus meiner Sicht, dass ein persönlicher Bezug oder ein echtes Interesse am Sammelgebiet besteht und dieses möglichst früh klar definiert wird. Neue Sammler sollten sich nicht scheuen, den Kontakt zu erfahrenen Sammlerinnen oder Ausstellern zu suchen und sich beraten zu lassen. Dafür eignen sich lokale Philatelistenvereine besonders gut.
Unverzichtbar ist philatelistische Literatur, um sich fundiert in ein Thema einzuarbeiten. Die Durchsicht von Auktionskatalogen und Online-Plattformen hilft, einen Überblick über das vorhandene Material und die Preisstrukturen zu gewinnen.
Ein junger Sammler braucht vor allem Geduld. Der Aufbau und die Gestaltung einer Sammlung erfolgen über Jahre hinweg – Rom wurde bekanntlich auch nicht an einem Tag erbaut.
Erinnerst du dich an ein spezielles Erlebnis in Bezug auf dein Hobby?
Vor einigen Jahren erwarb ich an einer Auktion eine attestierte blaugraue 1-Fr.-Strubelmarke, zentrisch gestempelt mit SION | 23 JAN 63. Dieses Datum stellt zugleich den Letzttag dieses Stempels dar. Mehrere Jahre später konnte ich an einer anderen Auktion erneut eine 1-Fr.-Strubelmarke erwerben, diesmal in Dunkelgrau, mit identischem Stempel. Als ich beide Marken nebeneinanderlegte, zeigte sich anhand des Stempelübergangs, dass sie ursprünglich gemeinsam auf demselben Brief waren. Diese Entdeckung und Wiedervereinigung zweier farblich unterschiedlicher 1-Fr.Strubelmarken war für mich ein besonderer erfreulicher Moment. Nun fehlt nur noch eines: der dazugehörige Brief …
Glücksfunde an zwei verschiedenen Auktionen: Nr. 27B2ge.a und Nr. 27B2ge.c waren ursprünglich auf demselben Beleg.
Brief aus der Zeit des Wallis als Republik der sieben Zenden (1613–1798). Im Jahr 1694 schloss Beat Fischer, der Postpächter von Bern und Freiburg, mit dem Bischof von Sitten eine Vereinbarung über den Brieftransit durch das Wallis ab. Im Zentrum stand dabei der Briefverkehr zwischen Frankreich und dem Königreich Sardinien beziehungsweise dem Herzogtum Mailand. Diese wichtige Transitroute führte durch das Wallis und über den Simplon.
31.5.1741. Portobrief von Domodossola, mit dem Mailänder Kurier über den Simplon, durch das Wallis und über Vevey nach Bern geleitet. Adressiert an den Generalpostverwalter Samuel de Losea (Delosea), deshalb auch taxfrei. Der Briefschreiber bietet den Gebrüdern Fischer seine Dienste an. Frühester und einzig bekannter Brief mit handschriftlichem Herkunftsvermerk «de Valay».
