Walter Brühlmann im Gespräch

Jean-Paul Bach CPhH
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Walter Brühlmann
Ist als Philatelist bei Corinphila Auktionen AG tätig. Seine Spezialgebiete sind Schweiz, Europa und Übersee, Zeppelin und Luftpost. Er ist Mitglied der Royal Philatelic Society London.
Jean-Paul Bach: Wie viel Zeit verbringst du mit den Briefmarken?
Walter Brühlmann: Berufsbedingt natürlich täglich. Als Mitarbeiter bei einem weltweittätigen Auktionshaus ist es ein Privileg, Briefmarkensammlungen bis hin zu den ganz grossen Raritäten der Philatelie bearbeiten zu dürfen. Die Betonung liegt allerdings hier auf Arbeit, denn bis eine Briefmarke verkauft wird, bedarfs es doch recht viel Aufwand, bevor eine Auktion zustande kommt.
Ist es für dich wichtig, Vereinsabende im Briefmarkensammlerverein zu besuchen?
Leider bin ich da ein ziemlich schlechtes Vorbild. Selbstverständlich bin ich Mitglied im lokalen Philatelistenverein-Sihltal. Ich bin auch der Meinung, dass eine Video- oder Zoom-Konferenz nicht dasselbe ist, wie ein persönlicher Kontakt. Internetforen sind eine Ergänzung, aber der persönliche Kontakt von Sammler zu Sammler ist und bleibt für mich sehr wichtig.
Sind Briefmarkensammlervereine noch zeitgemäss?
Es ist ein grosser Vorteil, wenn sich Sammler in Vereinen oder Arbeitsgruppen organisieren. Die Schweiz ist ja ein Land der Vereine. Auch hier kann das Internet die organisierte Philatelie nicht ersetzen. Das sehe ich bei Ausstellungen im In- wie auch Ausland. Die Sammler freuen sich Kollegen zu treffen, es entstehen Freundschaften und das gemeinsame Hobby verbindet.
Jugend resp. Nachwuchs und Philatelie, wie siehst du die Zukunft?
Die Briefmarke war immer ein ständiger Begleiter in meinem Alltag. Heute hat sich allerdings die Art unserer Kommunikation stark verändert. Wir haben noch auf dem Pausenplatz Briefmarken getauscht, heute kommunizieren Kinder und Jugendliche auf ihren Smartphones. Hat man früher Postkarten verschickt, so verwenden die Kinder oder Jugendlichen WhatsApp oder andere Formen der elektronischen Kommunikation.
Hast du ein Lieblingsstück, das deinen Kanton repräsentiert?
Ja, das war ein Zufallsfund, der sich erst bei der zweiten Betrachtung als kleine Trouvaille herausstellte. Als Sammler von Ansichtskarten habe ich eine schöne Lithokarte der Confiserie Meyer beim Zürcher Hauptbahnhof erstanden. Bekanntlich hat eine Ansichtskarte zwei Seiten (Ansicht und Adresse) und wurde damals oft für eine Kurznachricht verwendet (Neudeutsch «Short Message» oder WhatsApp). Erst nachdem ich den Adressaten und die Textnachricht gelesen habe, wurde ich mir der Bedeutung klar. Adressiert war die Karte von 1905 an einen gewissen Herrn Honold-Herzog in Baden AG mit der Bitte, dass er doch am Samstagnachmittag in der Confiserie Meyer erwartet würde. Erst da wurde mir klar, dass es sich um Fritz Honold handelt, der die Confiserie im selben Jahr übernommen hat und dessen Confiserie in Zürich bis heute am Rennweg weiterbesteht.
Was oder wer hat dich ursprünglich zum Sammeln von Briefmarken inspiriert?
Wie so oft war es unser Lehrer in der Schule. Später bekam ich von einem bereits etwas älteren Mann mal den Rat: «Sammeln Sie junger Mann, dann lernen Sie die Welt kennen.» Und genau so war es. Mit jedem Brief, jeder Karte oder Briefmarke taucht man in eine Welt ein und lernt die Zusammenhänge, Geschichte oder Geografie kennen. Zuerst war die Briefmarke und erst später bei meinen Reisen sah ich die Orte, die ich bereits auf Briefmarken und Briefen kennengelernt habe.
Wie siehst du die Rolle der Digitalisierung in der Philatelie? Hat sie deine Sammlung beeinflusst?
Die Verfügbarkeit durch die elektronischen Medien ist viel grösser geworden. Hat man früher noch gespannt auf die Auktionskataloge gewartet, kann man Briefmarken und Belege heute praktisch jederzeit weltweit erwerben. Auch sogenannte Seltenheiten sind heute praktisch jederzeit verfügbar. Ausgenommen sind natürlich die ganz seltenen Stücke, von denen es nur eine geringe Anzahl gibt.
Gibt es spezielle Veranstaltungen oder Messen, die du besonders empfehlenswert findest?
Von der lokalen Briefmarkenbörse bis zu nationalen oder internationalen Ausstellungen gibt es immer die Gelegenheit, interessierte Sammler zu treffen und sich auszutauschen. Ebenso interessant sind die entsprechenden Arbeitsgruppen.
Letztes Jahr war es ein Vergnügen, die Briefmarkenmesse in Ulm zu besuchen. Es war wie in früheren Tagen: Die Besucher konnten kaum warten bis die Türen zur Messe geöffnet wurden. Der Philatelistenverein-Sihltal organisiert sogar jedes Jahr eine Carfahrt von Zürich nach Ulm.
Ansichtskarte der Confiserie Meyer, adressiert an den späteren Besitzer der Confiserie.
Das Wappen des Kantons und der Stadt Zürich sind diagonal geteilt; oben rechts weiss, unten links blau. An der Schlacht am Morgarten 1315 ist bezeugt, dass die Zürcher Fähnlein mitführten, und es gibt Hinweise darauf, dass diese blau-weiss waren. Sicher belegt ist das diagonal geteilte Zürcher Banner erstmals 1434.
